Clouds

Oh dear!

O dear! What a clash of apparently different discourses we witness these days (sexism, refugee politics, racism and media critic)! The world is out of joint, but she has always been like that, hasn’t she? We find that feminists are well prepared—not believing in the bright & light side anyway. So in this column we want to talk about the stuff we have lately read or seen, about wise, intimidated, brave or naked women and also about the “Unspeakable.” Read on in German.

Schauen wir mal, was die Österreicher machen. Viel lustige, postironische Musik schwappt uns um die Ohren: von Bilderbuch, Wanda, Ja, Panik oder Yung Hurn. Die Autorin Stefanie Sargnagel arbeitet sich in ihrem neuen Buch „Fitness“ allerdings eher am „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier ab, stellvertretend für das „schlechte Österreich“. Sargnagel, ehemalige Daniel Richter Kunststudentin, ist mit ihren editorisch breitgestreuten Texten, die ihren formalen Ursprung in der in Soziale Netzwerken üblichen Kurzform haben, berühmt-berüchtigt geworden. Ihre Texte kommen mit einer Schockgarantie für Übersechzigjährige. Sie ist die Tochter, die man wahrscheinlich hat, so aber nie wollte; die Tochter, die in der Öffentlichkeit ohne Hemmungen über alles und vor allem sich selber redet, ohne dabei originell, hübsch oder niedlich sein zu wollen. Sargnagel ist das rausgerotzte Unperfekte. Kurzanalysen, mit jeder Menge Widersprüchen, ohne Punkt und Komma. Zitieren könnte man seitenweise, also lassen wir’s lieber.

Die Journalistin Laurie Penny, die 2012 in Deutschland mit ihrem Buch „Fleischmarkt“ bekannt wurde, ist immer noch wild und wütend. Finden wir gut. Mit ihrem neuen Buch Unsagbare Dinge, das sie selbst eine Polemik nennt, will sie deutlich machen, was sie in diesen neoliberalen Zeiten unter Feminismus versteht und was ihre Forderungen und Kritikpunkte am aktuellen State of the Art sind, bezogen auf Frauen und Männer, denn: „...die Jungs nehmen wir auch mit“, schreibt sie. Penny war seit den Anfängen von Occupy in den USA als Bloggerin und Reporterin dabei; sie beobachtete eine Generation „verlorener Jungs”, „kaputter Kids” und „abgefuckter Mädchen”, die den stark normativen gesellschaftlichen Druck nicht aushielten, die in die Job- und Obdachlosigkeit sanken. Und in die Verleumdung ihrer selbst. Für LGTB-Jugendliche, vor allem, wenn sie nicht den Stereotypen „weiß, bürgerlich und wohlhabend” entsprechen, sollten Feministen/innen, findet Penny daher, sich am meisten einsetzen. „Wenn wir mehr kollektive Menschlichkeit erreichen wollen, müssen wir lernen, einander zuallererst als Menschen zu sehen”; diese Menschlichkeit bezeichnet sie als „die unsagbare Wahrheit“. Auf ihrem Twitter-Account #PennyRed ist die Akademikerin zurzeit vor allem damit beschäftigt, Trolle verbal zu vermöbeln und sich zu den Vorfällen von Köln zu äußern.

Wenige Tage nach den sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof und in anderen Städten reagiert eine Gruppe von Feministinnen mit dem Aufruf #ausnahmslos. Zu den illustren Verfasserinnen gehören Journalistinnen, Bloggerinnen und Aktivistinnen wie Anne Wizorek, Kübra Gümüs¸ay, Emine Aslan und Hengameh Yaghoobifarah (eigentlich müssten hier alle Namen stehen). Nachdem in den Medien vielfach bemerkt wurde, worüber offensichtlich nicht gesprochen wird und welche Macken dieses Land hat, kam ihre Unterschriftenaktion genau richtig. Zu den knapp 500 Erstunterzeichner/innen zählt auch Laurie Penny. In dem Papier wird die populistische Instrumentalisierung feministischer Anliegen gegen die vermeintlich „Anderen“ in Politik und Medien kritisiert. Doch es bleibt nicht bei Kritik. Das Papier fächert für die Bereiche Politik, Gesellschaft und Medien geduldig konkrete Vorschläge auf, die auf Repräsentation, Alltag und Zusammenleben einwirken sollen. Zum Beispiel: „Die mediale Berichterstattung über sexualisierte Gewalt darf die Opfer nicht verhöhnen und die Taten nicht verschleiern“. Was den Sound von Gesetz oder Gebot imitiert, ist dafür bestimmt, Geschichte zu machen – anders geht es wohl gar nicht.

Man braucht beide Arme dazu, um Women in Clothes zu halten. Der über ein Kilo schwere Klopper funktioniert nicht chronologisch, sondern wie ein Blog oder – hier was für die Analog-Fans – eine Zeitschriften-Jahresausgabe. Manchmal erhellend, oft unterhaltsam, auch ermüdend. Es ist schwer, bei dem von pedantisch daherkommenden Fotoserien unterbrochenen Monstertext (z.B. „Lisa Przystups marmorierte Socken“) feministischen Content herauszufiltern. Die in ihren anderen Texten durchaus explizit feministisch aufgetretenen Herausgeberinnen Sheila Heti, Leanne Shapton und Heidi Julavits tun das nicht für eine/n. Daher: Die parallele Lektüre von Barbara Vinkens historischer Modestudie „Angezogen“ hilft, vertieft und klärt. Ach ja: Vinken hat ja 2001 auch das tolle Buch „Die deutsche Mutter“ veröffentlicht, fieser Titel, aber echte Pflichtlektüre (das war jetzt eine Überleitung)!

Im April 2015 machte #regrettingmotherhood Furore, eine kleine Studie aus Israel (die einen äußerst viralen Hashtag nach sich zog), in dem Frauen von ihrer Unfähigkeit oder ihrem Unwillen erzählen, ihr Muttersein anzunehmen. Die Soziologin Orna Donath, Initiatorin des Projekts, stellte fest, dass Frauen, die mit ihrer Mutterrolle nicht zurechtkamen, es auch kaum ertragen konnten, Großmütter zu sein. Der Druck zum Glücklichsein auf israelische Frauen – die durchschnittlich drei Kinder bekommen, Tendenz steigend –, scheint besonders groß zu sein. Danach berichteten Frauen aus aller Welt von ähnlichen Gefühlen: Sie liebten ihre Kinder, aber sie würden sich nicht nochmal für sie entscheiden. Logisch, dass ein Sturm der Entrüstung über die Teilnehmerinnen der Studie hereinbrach.

Dabei hatte schon vier Jahre zuvor die Britin Helen Walsh eine ähnliche öffentliche Diskussion losgetreten, als sie ihren autobiographischen Roman Ich will schlafen veröffentlichte, die Erzählung einer lange nicht erkannten und, schlimmer noch, vom Familien- und Freundeskreis nicht anerkannten postnatalen Depression. Einer Abwärtsspirale, die zu Gewaltphantasien dem Baby Boy gegenüber führte. Kein großartiges Buch in literarischer Hinsicht, aber mit der Wut einer geschrieben, die genau weiß, dass sie gerade an einem gesellschaftlichen Tabu rüttelt. Man wird nicht nur nicht als Frau geboren, sondern auch nicht als Mutter; auch dazu wird man (gemacht), um de Beauvoirs berühmten Satz aus Das andere Geschlecht abzuwandeln.

Ein verwandter Aspekt der Mütterthematik findet sich in Anke Stellings Prenzlauer Berg-Dystopie Bodentiefe Fenster. Sandra, die sich als Kind Kassandra nannte (Kassandra, die Blaupause der selbstbestimmten Kinderlosen), bricht in sich zusammen, nach und nach. Dabei: zwei reizende kleine Kinder, ein supernetter Typ zuhause, gute Freundinnen! Sandra wohnt in einem genossenschaftlichen Wohnprojekt mit bodentiefen Fenstern und basisdemokratischen Entscheidungsprozessen. Erster Satz des Romans: „Ich bin wie meine Mutter“. Die in den letzten Jahren gerade für Berlin beschriebene gemeinschaftliche Lebensutopie (Share & Care) wird von Stelling in engen Bezug gesetzt zu den Utopiemodellen der Elterngeneration. Kinder sind, und waren es schon in den Lebensträumen der Eltern, eher Komplizen als Schutzbefohlene. Der Burn Out am Ende – die letzte Utopie? – ist unausweichlich.

Helmut Newton hat in den 1980er Jahren weiße Frauenmodelle vollständig nackt fotografiert. Diese überlebensgroßen Porträtbilder hängen in der Newton-Foundation am Bahnhof Zoo, über deren roten Teppich wir in den letzten Wochen ein paar Mal ein- und ausgehen mussten. Der Teppich verbindet allerdings nur die Newton-Räume und macht vor dem Museum für Fotografie halt. Sieht man sich diese Nudes 2016 an, wirken sie beim ersten Mal eindeutig unangenehm, aufdringlich und megasexistisch. Ein Bekannter, über 50, muss gleich an Faschismus denken. Übergroße Frauen, weiß, mit perfekten Körpermaßen, weit über Kopfhöhe hängend. Nachdem wir einige Male treppauf und treppab an den großen Ladybildern vorbeigelaufen waren, fanden wir Gefallen an einem Detail. Auffällig behaart sind diese Körper, Arme und Beine ziert ein heller Flaum. Aufgenommen in einer Zeit, als Photoshop noch nicht in die Fotostudios und Bildagenturen eingezogen war.

Letztes Jahr wurde das Programm, das sich schnell zum Synonym für digitale Bildbearbeitung mauserte, 25 Jahre alt. Ob hier folgende Frage laut gestellt werden darf: Kann die feministische Praxis die Nackten für sich produktiv machen? Den obligatorischen männlichen Blick hinter der Kamera ausblenden und sich deren Behaartheit aneignen für eine Kritik am Photoshop-Diktat? Es mag waghalsig klingen, schließlich müssen doch dafür Entstehungskontext und erstes Zielpublikum (die Playboy Leser) komplett ausgeblendet werden. Und auch die Besucher/innen der Newton Foundation, denn sie kommen schließlich vor allem, um das Werk des geborenen Berliners zu sehen. Diesen längst fälligen Schritt jedenfalls traut sich das Museum nicht zu gehen. Deswegen bleiben dann doch nur Farbbeutelattacken (in Gedanken). Aneignung vorläufig gescheitert.

A propos: Der Mit-Erfinder von Photoshop, John Knoll, demonstrierte vor wenigen Jahren anhand eines Urlaubsfotos von 1987, das seine zukünftige Frau zeigt, was man mit dem Programm anstellen kann. Nicht ganz zufällig wählt er für das Demo von Photoshop 1.0 auch einen Rückenakt von ihr: „Jennifer in Paradise“ (auf Youtube). Die Frau wird zum Objekt. Innerhalb einer Minute verdoppelt er sie im Bild und konstatiert zufrieden: „And now I have a clone“.

Was passiert, wenn Frauen Bilder von Frauen kommentieren? In einem Sozialen Netzwerk postete neulich eine Münchner Galeristin ein Porträtfoto von Miranda July mit dem Kommentar: „Ich kann dieses Gesicht nicht mehr sehen“. Wham. Sie hat es gesagt. So eindeutig Negatives kommt eigentlich in diesen Social Media Umgebungen nicht vor. Doch es wird sofort klar, warum sie es sagt, denn July, Autorin, Filmemacherin und Schauspielerin zeigt nur dieses eine, das Porzellanpuppengesicht, Lockenschopf, blasser Teint, Mund leicht geöffnet, Rehblick. Es ist ihr öffentliches Image, ein strategisches Ich, das sie selbst für sich entworfen hat. Wenn sie als Künstlerin mit sich so umgeht, wie Cindy Sherman es tut, dann wird es nicht bei dem glatten, entrückten Gesichtsausdruck bleiben, und wir werden sie später bestimmt noch als dreckige Zombiegestalt zu sehen kriegen.

Ganz anders in dem Büchlein Dear Boy der Dichterin Emily Berry. Sie schreibt an ihren fernen Lover. Die Worte fallen nicht aus dem Mund eines Porzellangesichts, jeder einzelne Vers ist auf seine Weise glänzend und majestätisch. Plans for a Future Romance beginnt so: „Did you wear this scarf for the Piccadilly Line? You asked, / because it was blue, and long, I suppose, and no; / but I like the suggestion that I might have picked out / my clothes to line up with our earliest journeys (…)“

Ist der beschriebene Kleidungsstil situationistisch? Mimetisch? Neurotisch? Oder handelt es sich um einen eleganten Witz unter Kartographen? Wo geht es lang? Also gleich und zum Abschluss in das nächste Gedicht springen: Nothing Sets My Heart Aflame: „The olden days are very contemporary at the moment / I feel an urge to wear braces and men’s trousers but that / fashion has passed / I cannot find the right accoutrements in the shops / We have nearly run out of eras (…) My crisis is relatively universal / Every time I think a new thought I can smell an old one burning (…)“

Vera Tollmann is a Berlin based writer, curator and art-critic. She was editor for Starship No 7, the Y (or feminism) issue, and together with Stephanie Wurster, she writes the feminism column in Starship, titled Clouds.

Stephanie Wurster is a Berlin based writer, editor and translator. She was editor for Starship No 7, the Y (or feminism) issue, and was our columnist on literature ever since, now writing Clouds, the feminism column in Starship, together with Vera Tollmann.
Starship 14: A Plastic Island of the Mind - Cover Julian Göthe
  1. Cover Julian Göthe
  2. Contents
  3. Editorial 14 Starship, Nikola Dietrich, Martin Ebner, Ariane Müller, Henrik Olesen
  4. Topless Heike-Karin Föll
  5. I am a Poster Valerie Stahl Stromberg
  6. Reflection Paper No.4 Evelyn Taocheng Wang
  7. Waeshful Thinking Robert Meijer
  8. An amount eats a spot Hans-Christian Dany
  9. Öbel Olfe Karl Holmqvist
  10. Divine Christopher Müller
  11. Politics Chris Kraus
  12. Oh dear! Vera Tollmann, Stephanie Fezer
  13. Entwürfe zum Selbstporträt Judith Hopf
  14. * Jay Chung
  15. Eier legen Tenzing Barshee
  16. Die Treppen der CUJAE Florian Zeyfang
  17. No-90ies Francesca Drechsler
  18. Scrolling Down the Digital Side of Contemporary Art Mercedes Bunz
  19. Über: Hans-Christian Dany Schneller als die Sonne Wolfgang Gantner
  20. Alien Bogs Jakob Kolding
  21. Plastic Island Nikola Dietrich, Daniel Reuter, Cameron Rowland, Michael Pfrommer, Nina Rhode, Ed Steck, Cheyney Thompson, Eileen Quinlan, Heji Shin, Helena Huneke, Thomas Locher, Amelie von Wulffen, Kirsten Pieroth, Mark von Schlegell, Jimmy DeSana, Yuki Kimura, Anders Clausen, Bernadette Corporation
  22. O I 8 something queer Gerry Bibby
  23. Swallow This. On Gays, Pills, and Markets Nicolas Linnert
  24. Acc-ess John Beeson
  25. Plastic Island Revisited Ariane Müller
  26. Apologies Julian Göthe
  27. Excerpts from: The Hanging Garden of Sleep Haytham El Wardany
  28. Still life #6 Juliette Blightman
  29. Picture Talk Mihaela Chiriac, Mark van Yetter
  30. Thalassoma bifasciatum Friederike Clever
  31. Find 8 differences Lou Cantor
  32. N Martin Ebner
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